KulturhauptstadtPotsdam2010

Geschichte

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Wer über Potsdam nachdenkt, der erinnert sich vielleicht an Lennésche Gartengestaltungen: Adlerkopf im Schlosspark Sanssouci.

Wenn du einen Stadtplan vom Paradies brauchst - komm nach Potsdam. Verklärend? Ein wenig. Aber wahr. Denn es war kein geringerer als der große Kurfürst, der Mitte des 17. Jahrhunderts beschloss, dass "... das gantze Eyland ein Paradies werden" sollte. Und so wurde aus dem kleinen Ort Poztupimi die europäisch geprägte Kulturstadt Potsdam.
Der Bau des Paradieses war eine Herausforderung für Bürger und Monarch gleichermaßen. Der tückische märkische Sand und die unberechenbare Havel erforderten qualifizierte Unterstützung. Doch Fachleute waren durch den 30-jährigen Krieg rar geworden. Um seinen Traum zu verwirklichen beschloss der Große Kurfürst kurzum, Gastarbeiter anzuwerben. Eine "Green Card" war die Lösung. Mit dem Edikt von Potsdam im Jahre 1685, bekannt als Toleranzedikt, war die Grundlage für die Ansiedlung von Arbeitskräften aus Frankreich, der Schweiz und Holland geschaffen. Da er ein umsichtiger und kluger Staatsmann war, sicherte er darüber hinaus den Menschen verschiedenster Glaubensrichtungen und Nationalitäten Freiheit und Schutz zu und bot ihnen zudem steuerliche Vergünstigungen, Baugelder sowie Erbberechtigungen für neu erbaute Häuser.

Plan

...das ganze Eylandt soll ein Paradies werden: "Verschoenerungsplan von Potsdam und Umgebung" von Peter Joseph Lenné, 1833.

Vom Dorf zur Residenz
Potsdam wurde neben Berlin zweite Hauptresidenz der preußischen Herrscher. Es war ein Leichtes für die Stadt, die repräsentativen Anforderungen, die diese Rolle verlangte, zu erfüllen. Die Hohenzollern, die das Schicksal der Stadt maßgeblich prägten, orientierten sich an europäischen Maßstäben. Sie betrauten führende Kunstvertreter mit wichtigen Aufträgen und sorgten dafür, dass der preußische Staat auf dem europäischen Parkett eine wichtige Rolle spielte, wodurch auch Potsdam zu glänzen begann.
Die politische Landkarte Europas gestaltete sich immer wieder neu, woran auch Preußen keinen geringen Anteil hatte. Dies ging freilich nicht ohne ein schlagkräftiges Heer. Wieder einmal war Hilfe von außerhalb nötig, um die Vorstellungen des Herrschers, diesmal Friedrich Wilhelms I., zu erfüllen. Es sollte nicht irgendeine Armee sein, mit der Preußen ins Rennen ging. Zusätzlich wurde eine preußische Mustertruppe geschaffen. Aus ganz Europa wurden die "langen Kerls" angeworben, die gleichermaßen für Bewunderung und Spott sorgten. Die Garnisonsstadt Potsdam war geboren. Von den Potsdamern war wieder einmal Toleranz gefordert - zwei bis drei Grenadiere musste jeder Haushalt aufnehmen und versorgen. Die Belastung der Bürger war groß. Der König dankte es seinen Untertanen, indem er neue Stadtteile erschließen ließ und die Soldaten als Handwerker zum Häuserbau verpflichtete.

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Potsdam hat eine hoch motivierte Bürgerschaft: das Belvedere auf dem Pfingstberg wurde in den letzten Jahren durch privates Engagement restauriert.

Geist und Macht
Das Vorwärtsstreben, ein Überschreiten von Auffassungen und Bräuchen der Zeit charakterisiert Friedrich II., dessen wahr gewordener Traum des Schlosses Sanssouci bis heute ehrfürchtiges Staunen hervorruft. Sans souci, "ohne Sorge", ungetrübt von lästigen Regierungsgeschäften wollte er hier seinen musischen Neigungen im geselligen Kreise berühmter Gelehrter und Aufklärer nachgehen. Der König baute das Militärwesen seines Vaters energisch weiter aus und führte erfolgreiche Kriege, doch in Potsdam herrschten Glanz und schöngeistiges Leben. Zahllos sind die Namen berühmter Aufklärer - allen voran Voltaire -, Künstler, Musiker, Architekten und Gelehrter aus ganz Europa, die sich hier versammelten und der Stadt zu ihrem einzigartigen Gepräge verhalfen. Auch Friedrich der Große setzte die Toleranzgedanken seiner Vorgänger fort, die Religionsfreiheit und wirtschaftliche Anreize führten viele ausländische Handwerker nach Potsdam.
Prägend für die großartige Gesamtanlage und Bedeutung als kultureller Mittelpunkt wurde im 19. Jahrhundert die Berufung des Architekten Karl Friedrich Schinkel und des großen Landschaftsgärtners Peter Joseph Lenné, die ihre Vorstellungen im Auftrag der preußischen Könige umsetzen konnten. Immer neue Schlösser und Landhäuser umkränzten die Stadt. Der Park von Sanssouci und der Neue Garten wurden als englischer Landschaftsgarten angelegt, in dem weite Blickachsen die schönsten Punkte miteinander verbanden. Aus der Zusammenarbeit der beiden Künstler stammt auch die Struktur der Russischen Kolonie Alexandrowka, einer bis heute erhaltenen Attraktion Potsdams. Es ist den Häusern nicht anzusehen, dass sie für unter Kriegsgefangenen rekrutierte Chorsänger erbaut wurden. Ein "russisches Idyll" mit Kirche und Popenhaus wurde geschaffen, benannt nach dem befreundeten Zaren Alexander.

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Auf dem Weg in die Moderne
Die Freiheitsbewegung und Revolution von 1848 gingen an Preußen und insbesondere Potsdam fast unmerklich vorbei, führten aber doch zu einem innenpolitischen Schritt von höchster Tragweite: der König unterzeichnete in Sanssouci die Verfassung, die Preußen in eine konstitutionelle Monarchie umwandelte.
Untrennbar von den gesellschaftlichen Veränderungen ist die revolutionäre Wirkung der beginnenden Industrialisierung, der Entdeckungen und Neuerungen in Technik und Wissenschaft. Potsdam war dank der königlichen Interessen besonders fortschrittlich: 1816 fuhr das erste Dampfschiff Deutschlands zwischen Berlin und Potsdam, 1838 wurde der Eisenbahnverkehr zwischen Berlin und Potsdam aufgenommen, 1832 errichtete die Berliner Telegrafenanstalt eine optische Telegrafenstation in Potsdam, an deren Stelle später das erste astrophysikalische Observatorium der Welt entstand. Ein geodätisches und ein meteorologisches Institut verstärkten diesen wissenschaftlichen Schwerpunkt, der schließlich mit dem Einsteinturm von 1920/21 zu einem Wissenschaftspark ausgebaut wurde.
Die politischen Veränderungen gegen Ende des 19. Jahrhunderts, die Gründung des Deutschen Reiches und die Kaiserkrönung Wilhelm I. stärkten das politische, internationale Gewicht Preußens enorm. Potsdam als Zweitresidenz des Kaisers erlebte in der Gründerzeit nochmals eine bedeutende Erweiterung durch bürgerliche Villen und Landhäuser. Ein wahrhafter Vorstadtboom setzte ein. Doch mit dem Ende des 1. Weltkrieges und der Abdankung des Kaisers ging seine große Ära als Zentrum der höfischen Welt und des Militärwesens zu Ende. Für Potsdam war es an der Zeit, nach einer neuen Identität zu suchen.

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Eine Stadt als Bühnenbild: Kulissenbau für den Film Metropolis.

Schöner Schein
In Potsdam gelang es, den Platz, den der Adel bislang in der öffentlichen Wahrnehmung inne hatte, aber im Zuge der politischen-gesellschaftlichen Entwicklungen verlor, nun durch den Mythos Film auszufüllen und mit dem Lebensgefühl der Zwanziger Jahre zu verbinden.
Nach der Machtergreifung nahmen die Nationalsozialisten immer stärkeren Einfluss auf die Filmproduktion, ihre Propagandafilme gehören zu den dunkelsten Punkten der Babelsberger Filmgeschichte.
Potsdams Geschichte und deutschnationaler Nimbus ließ es zur Bühne einer besonderen Inszenierung im Nazideutschland werden: Unter der Bezeichnung "Tag von Potsdam" ging die Reichstagseröffnung am 21. März 1933 durch den Reichspräsidenten Hindenburg in die Geschichte ein. Bei dem Festakt in der Garnisonkirche wurde symbolisch der Bund zwischen Preußentum und Nationalsozialismus geschlossen. Die allgemeine Wehrpflicht und Aufrüstung machten Potsdam im Dritten Reich wieder verstärkt zur Militär- und Kasernenstadt. Immerhin gibt es einige Verknüpfungen des Potsdamer Militärs mit der Widerstandsbewegung gegen das Naziregime, die Namen von Widerstandskämpfern wie Henning v. Tresckow oder Graf von Schwerin stehen in jedem Schulbuch. Bei der Reichspogromnacht oder der Judendeportation aber unterschied sich die Stadt nicht von anderen.
Im April 1945 wurde die historische Innenstadt in Schutt und Asche gelegt. Wenige Monate später war Schloss Cecilienhof Tagungsort der Potsdamer Konferenz, bei der die Vertreter der Siegermächte Churchill, Stalin und Truman über das Schicksal Deutschlands entschieden, die Oder-Neiße-Linie als neue Ostgrenze festlegten und die Umsiedlung von Millionen Menschen beschlossen - Entscheidungen, die bis heute europaweit nachwirken.

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Seit den sechziger Jahren entstanden großflächige komplexe Siedlungen, die über eine eigene Infrastruktur verfügen sollten. Heute leben in diesen Siedlungen rund 40 Prozent der Potsdamer.

Die Sozialistische Prägung
Auch Potsdam erlebte nach dem Krieg einen großen Wechsel in der Bevölkerung. Viele Bewohner waren vor dem Krieg und den einrückenden sowjetischen Truppen geflüchtet. Der Versuch einer demokratischen Neuordnung scheiterte und 1952 wurde Potsdam Bezirkshauptstadt der DDR. Die Akademie für Staat und Recht wurde eine der Kaderschmieden der DDR, die Hochschule in Golm zum Ausbildungszentrum der Stasi, bereits 1948 war die Pädagogische Hochschule zur Ausbildung der Lehrer gegründet worden. Die Fahrt von Potsdam nach Ost-Berlin, der Hauptstadt der DDR, war stets mit einer Umkreisung Berlins verbunden, die häufig mit dem sogenannten "Sputnik" getätigt wurde. Der Hauptbahnhof wurde an die Peripherie der Stadt gelegt.
Durch den Krieg waren große Teile des historischen Erbes in Mitleidenschaft gezogen worden, insbesondere im Bereich der künstlerischen Ausstattung von Sanssouci mussten große Verluste verzeichnet werden. Wurde anfangs beim Wiederaufbau der zerstörten Innenstadt auf die Stadtstruktur geachtet, so wurde diese bewusst überformt, um "den Geist von Potsdam" auszurotten. Markanteste Beispiele: Die Sprengung der Ruinen der Garnisonkirche und des Stadtschlosses, die beide noch restaurierbar gewesen wären, die Neubebauung der Breiten Straße und der Friedrich-Ebert-Straße. Die Proteste blieben beim politischen Regime ohne Gehör.
Die militärische Tradition hingegen wurde fortgesetzt: Truppen der sowjetischen Besatzungsmacht und der Nationalen Volksarmee wurden in den noch erhaltenen Kasernen untergebracht. In der Bezirkshauptstadt war Wohnraum knapp, sodass frühzeitig mit dem Bau neuer Wohnbaugebiete begonnen wurde, während man bei der Gestaltung der Innenstadt sozialistische Zeichen zu setzen suchte.
Angeknüpft wurde aber auch an Potsdams Filmtradition. Die Filmhochschule Babelsberg wurde gegründet, Filmproduktionen der DDR und mancher Staaten des Warschauer Paktes entstanden auf dem alten Gelände. Trotz allgegenwärtiger Schwierigkeiten wurde im Kulturhaus Hans Marchwitza, der Villa Kellermann und auch dem Hans-Otto-Theater ein ambitioniertes und streitbares Programm erarbeitet.

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Die jüngste Vergangenheit
Gleich nach der Wende wurde in einem der ersten Grundsatzbeschlüsse der neuen und ersten freigewählten Stadtverordnetenversammlung die "Wiederannäherung an das historische Stadtbild" beschlossen. Damit wurde der Ruf nach der Herstellung der "historischen Mitte" zum Programm erklärt.
Heute ist Potsdam Landeshauptstadt des Bundeslandes Brandenburg, die Schlösser- und Gartenlandschaft wurde 1990 als Welterbe der UNESCO anerkannt. Die in den letzten Jahren liebevoll restaurierten Stadtteile inmitten traumhafter Natur bilden heute wieder - ganz im Sinne des Großen Kurfürsten - ein Paradies in Europa, an dem sich die Bewohner und zahlreichen Besucher erfreuen können.

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